Alle gegen alle: Arm gegen Reich, Links gegen Rechts,
Ost gegen West gegen Nord gegen Süd,
wachsende Metropolen gegen schrumpfende Landstriche.

Das Land zerfällt. Jeder für sich, der Stärkere gewinnt.
Hat Deutschland als "gemeinsames Boot" ausgedient?
Wie können wir Solidarität neu organisieren?

Was können wir tun, damit das Land nicht zerfällt?

Zum Beispiel...
...Städtepatenschaften: Starke helfen den Schwachen.
...Heimatsteuer: Finanzausgleich für Schrumpfregionen.
...Kommunalfusionen auf europäischer Ebene.
...Regional Improvement Districts.

 

Das Szenario.

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Deutschland 2030.
Oder was davon übrig ist.


Schwer zu sagen, wann es begann. Vielleicht schon, als die Mauer fiel und Europa aus seiner Erstarrung erwachte. Als der Wind anfing, härter durchs Land zu blasen. Als die Schere immer weiter aufging zwischen Arm und Reich, zwischen den Boomtowns und den Hinterhöfen, die plötzlich auch vor der eigenen Haustür lagen.

Richtig los ging es 2019, als die Metrex-Städte verrückt spielten. Ein eigentlich ganz harmloser Club. Gegründet 1996, um die Metropolen Europas zu vernetzen. Man traf sich ein- bis zweimal im Jahr, tauschte sich aus. Über Politik, über Wirtschaft. Wie man Schritt halten könnte, in einer sich immer schneller drehenden Welt. Eine typische Europa-Nummer: viele graue Anzüge, viele sperrige Vorträge, viele Reisespesen – und kaum einer kannte den Laden. Bis 2019.


Metrex-Gründungstreffen 1996

„Metrex gründet neue Hanse“. Anfang des Annus Horribils war die Nachricht durch die Portale gegeistert. Keiner ahnte wirklich, was das bedeuten sollte. Ein paar Wissenschaftler kommentierten das Geschehen, irgendwo auf ihren Blogs. Business as usual. Dann kam es Schlag auf Schlag.

Als erstes fiel Irland. Vielleicht, weil das Land wie eine offene Wunde war seit der großen Krise. „Dublin behält Einkommenssteuer für sich – droht ein Bürgerkrieg?“ titelte die Irish Times am 4. Juni. Der Bürgermeister schien völlig durchzudrehen. Und keiner in der Stadtregierung widersprach.


Der Bürgermeister von Dublin am 3.6.2019

Es erinnerte an 1996, als die die Lega Nord in Italien das freie Padanien ausrief, um den reichen Norden vom armen Süden loszueisen. Eine Posse. Diesmal war es ernster. Am 14. Juni platzte die Bombe: alle 52 Metrex-Städte verkündeten, sie würden einen großen Teil ihrer Steuereinnahmen für sich behalten. Um ihre neue Hanse zu stärken. Sie mussten es lange im Stillen vorbereitet haben, es war perfekt organisiert. Die Front der Stadtregierungen stand wie eine Wand. Man argumentierte, dass nur starke Metropolen den Schwachen Regionen nützen würden.

Hektik auf allen Ebenen, Krisensitzungen überall: in der EU, in den nationalen Parlamenten, den Regionen, die nicht dabei waren. In Frankreich besetzte die Amee die Rathäuser von Lyon und Bordeaux, die Stadtregierungen wurden abgesetzt. Demonstrationen, Schüsse, Tote. In Liege gründeten die Sozialisten die „Freie Republik Wallonien“. Und dann die Aufstände der Ausgeschlossenen. Zuerst im Umland von Neapel, das schon seit einigen Jahren durch eine neue Stadtmauer vom Zentrum getrennt war. Die Gewalt fraß sich wie ein Virus durch die Einwandererslums am Südrand von Europa: in Palermo, in Sevilla, in Marseille, in Athen und Saloniki.


EU-Truppen in Palermo im Januar 2020

Die neue Metrex-Hanse: In Deutschland waren sie alle dabei, die großen Metropolregionen. Eine Woche nach dem großen Knall war klar, dass es kein Zurück gab, außer mit Gewalt. Und das wollte keiner. Der Coup war gut durchdacht. Und die Städte machten Angebote. Zum Beispiel, einen Teil der staatlichen Aufgaben zu übernehmen. Die meisten politischen Aufgaben waren sowieso längst nach Europa heraufgereicht worden. Der Nationalstaat war immer hohler geworden. Nur logisch, dass die Stadtregionen sich jetzt den Rest nahmen.

Es gab das Angebot der Metrex-Städte, „Patenschaften“ zu übernehmen. Für andere Regionen, für die Abgehängten, Schrumpfenden, die plötzlich ohne Alles dastanden. Es war die Rückkehr des Flickenteppiches, den man noch von den Landkarten vor 1900 kannte. Ein regelrechtes Buhlen setzte ein. Als erstes unter der Haube war Nordhessen, schloss sich mit der Metropolregion Rhein-Neckar zusammen. Frankfurt hatte man schon immer gehasst. Niederbayern ging an Prag, was einen Aufschrei in München verursachte, die Pfalz an Stuttgart, Bitterfeld-Dessau an Köln-Leverkusen, das nun Bayer-Regio hieß. Translokale Bündnisse nannte man das.


Deutschland 2030: der Flickenteppich ist zurück

Und dann kamen die Allianzen der Abgehängten. Den Anfang machte das Saarland, tat sich mit Asturien zusammen. Hier in Nordspanien gab es immer noch funktionierenden Bergbau, viel Wissen, das man teilen konnte. Man gründete eine Sonderwirtschaftszone, Ziel 2040: Europas prosperierendste Industrieallianz zu sein.

Nur zehn Jahre nach dem Metrex-Coup ist das Europa der Regionen auf bittere Art Wirklichkeit geworden. Es ist nicht ruhiger geworden in Europa, im Gegenteil. Ständig gibt es neue Diskussionen um Visa, um Schutzzölle, die einzelne Bündnisse ausrufen, um ihre Stellung nicht zu gefährden. Die Staaten befinden sich in Auflösung. Belgien ist 2027 gefallen, dann überraschenderweise Dänemark, das nun aus Kopenhagen und Aarhus besteht – und Jütland, das sich an Hamburg angehängt hat. Italien fiel voriges Jahr, was viele ohnehin erwartet hatten. Süditalien versinkt seitdem noch mehr im Chaos, hier fehlt jede Staatsgewalt, die Mafia regiert nun offen in vielen Landstädten. Lombardo-Venetien und der Städtebund ROFINA – Rom, Neapel und Florenz – haben ihren Austritt aus der EU verkündet.


Hatten wir schonmal: Gründung des Deutschen Bundes auf dem Wiener Kongress 1815

Und Deutschland? Seit Anfang des Jahres liegt das Konzept für einen Neuen Deutschen Bund auf dem Tisch. Wiener Kongress revisited, wie einst 1815. Die Grundlage: eine gemeinsame Sprachkultur. Die Aufgabe: Erhalt der kulturellen Traditionen, gemeinsame Interessensvertretung der translokalen Bündnisse des früheren Deutschlands in Europa und bei der neu gegründeten Global Alliance.

Die Reise ist ungewiss. Ihr Ausgangspunkt ist längst zerstört.

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